Die Leere

Wolf Büntig


Zur Psychologie der Leere
 
Ohne ein Wissen um das Wesen bleiben wir oft in unserem Hunger nach Wesentlichem in einer undefinierten Sehnsucht hängen, die ungestillt bleibt, wie jeder fehlgedeutete Hunger. In dieser Situation versuchen wir dann vergeblich, den Mangel zu kompensieren: Den Verlust des süßen Gefühls, lebendig zu sein, durch Sucht nach Süßem; den Verlust des Selbstwerts durch Geltungssucht, den Mangel an wessentlichem Kontakt durch Beziehungssucht, den Verlust der Lebenslust und der Fähigkeit, mit der Welt zu verschmelzen, durch süchtigen Konsum von Sex; mangelnde Selbstwahrnehmung durch Beachtungssucht, den Mangel an sinnvollem Tun durch Arbeitswut, Fehlen von kreativem Ausdruck durch Leistung und Verlust der Stille durch Betäubung.
Fritz Perls sagte, der neurotische, das ist der normale, konditionierte Mensch, habe Löcher in seiner Persönlichkeit. Und in der Tat ist es so, wenn wir unsere Ersatzhandlungen mit freundlicher Aufmerksamkeit beobachten, wir früher oder später bei dem großen schwarzen Loch landen, das als Zeichen von Depression, d.h. Selbstunterdrückung gedeutet wird: der Leere.

Diese Leere ist das Tor zur Fülle. Hier liegt eine große Chance, die diejenigen immer wieder vertun, die der Angst Macht über sich einräumen – und wer täte das nicht – und vor dem Loch davonrennen so schnell sie können, zurück zu ihren unwesentlichen Ersatzhandlungen. Wer aber – durchaus mit Angst, aber auch mit Mut – beharrlich und aufmerksam bei diesem Loch verweilt, dem mag es geschehen, das die Zeit ganz Gegenwart wird – Castaneda nannte das ‘die Welt anhalten’ – und sich ein Raum auftut, der – je länger sie dabei bleiben, umso wahrscheinlicher – sich füllt mit dem, woran sie sich selbst wiedererkennen.

Auf einmal sind sie dann einfach da, allein aber nicht einsam, sondern auf merkwürdige Weise verbunden. Oder sie empfinden Zuversicht, entschlossen, ihren Weg zu gehen, selbst wenn sie noch nicht klar sehen, wohin der führt. Oder sie kommen in Kontakt mit einer Kraft, manchmal wahrgenommen als leuchtende Kugel im Bauch, von der sie nichts wussten und die sie doch als zugehörig annehmen. Oder sie spüren Entschlossenheit, das Notwendige (das ist, was die Not wendet) zu tun, auch wenn ihnen noch verborgen ist, was sie zu tun haben.

Für manche erscheint, nachdem sie sich der Dunkelheit lange genug ausgesetzt haben, die Welt in diesem Moment deutlicher, klarer oder heller, oder aber auch farbiger und weicher. Und vielleicht sagen sie dann einfach nur: “Ach so!”