Intensivlehrgang Aikido + Jo-Jutsu

Auf dem Intensivlehrgang haben wir uns im Jo-Jutsu damit beschäftigt, wie man den Impuls weiterleiten kann: Tori hält den Stock in beliebiger Position und Uke greift danach, mit ein oder zwei Händen. - Da in jedem noch so guten Griff eine Richtungsinformation steckt, kommt es nur darauf an, den Richtungsimpuls zu spüren und mitzugehen. Das führt Uke fast unweigerlich in die Disbalance!

Wir haben vor allem zwei Hauptregionen, in denen wir viel zu fest sind, sodass die Informationen nicht oder erst viel zu spät durchfließen können: Die Schultern/der Schultergürtel und das Becken. Es ist daher von großer Bedeutung, die Schultern zu entspannen und in der richtigen Position zu halten. - Erst wenn die Schultern durchlässig sind, kann die Information an die Hüfte "weitergereicht" werden und das Seishinkai Jo-Jutsu wirklich gut funktionieren. Wenn die Hüfte frei ist, kann sie die Information in die Fußsohlen weiterreichen - dieses Richtungsmuster tritt in der Reaktion auf. Die Aktion wird beim Experten oft über den umgekehrten Weg gestartet: Fußsohle - Hüfte - Schulter - Hand - Stockspitze ...

Das Seishinkai Jo-Jutsu ist unter anderem desegen so effektiv, weil der Stock von Anfang an als die Verlängerung deines Körpers eingesetzt wird! Schoo Sensei spricht oft davon, dass du den "Wind an der Stockspitze fühlen sollst". - Oft beginnen die Übungen mit dem direkten Kontakt des Stocks am Körper. Massagefuntkion, Druckkontakt, wellenartiges Absorbieren leichter Schläge usw.: All das schafft ein natürliches und positives Erfahrungsfeld, in dem die "Angst versickern" kann.

Die zweite Stufe im Erlernen des Kontakts ist das Ausweichen, kurz bevor der Jo trifft. Weil dein Körper den Stock gespürt hat und ihn mit positiven Erinnerungen verbindet, tritt die Angst nicht blockierend in den Vordergrund, und du kannst rechtzeitig ausweichen. Du spürst den Stock sozusagen "feinstofflich", kurz bevor er hart auftrifft. Das hat weniger etwas mit optischer Kontrolle zu tun, mehr mit gesteigerter Intuition.

So haben wir auch auf diesem Intensivlehrgang ausgiebig mit dieser elementaren Thematik gearbeitet. Die Ausweichmanöver über wir bei dem geraden Stoß in den Bauch (choku tsuki), beim geraden Schlag von oben (shomen uchi) und beim - äußerst schwer zu "reagierenden" - schrägen Schlag von oben (yokomen uchi).

Im Aikido haben wir vor allem den Yokomen uchi aufgegriffen und das gleiche Ausweichmanöver versucht. Es ist uns viel leichter gefallen als im Jo-Jutsu! Einerseits sicher durch die vorherige Übung, andereseites aber auch, weil der Yokomenschlag mit den Fingerspitzen aufhört und dadurch leichter zu berechnen ist. Auch verliert man durch die Arbeit im Jo-Jutsu den manchmal gar nicht angebrachten Respekt: Die Hand ist nun mal nicht so hart und so schnell wie der Stock.

Was wunderbar gelungen ist: Wir Ihr den Partner kontrolliert habt, diese Sekunde nach dem Ausweichmanöver. Der Partner ist einen Augenblick so überrascht, dass man ihn mit nur einem leichten Fingerschnips zu Boden bringen kann! - Das anschließende Angebot, beide Ellenbogen von hinten zu fassen (ushiro ryo hiji dori), gehört eigentlich in die Kategorie "martialisches Spiel", die man im Seishinkai Aikido so häufig findet.

Die Aktion wäre in einer Auseinandersetzung außerhalb der Matte eigentlich schon beendet, da geht es im Training oft noch weiter, einfach aus der Freude an der intelligenten gemeinsamen Bewegung heraus. - Eine Aikidotechnik ist in diesem Zusammenhang besonders zu erwähnen: Irimi nage, der Wurf durch Eintreten. "Eintreten" hat sowohl eine physische Komponente - oft ein Schritt in den gegnerischen Angriff hinein, oder auch nur eine subtile Gewichtsverlagerung nach vorne - als auch eine emotionale: Du musst auch bereit sein, im richtigen Moment in die Gefahr hineinzugehen! Nicht kopflos, sondern um sie sozusagen "im Keim zu ersticken".

Merke: Die für das Aikido typische Ura-Ausführung von Irimi nage (das Eintreten und augenblickliche Nachlassen und Abdrehen zusammen mit dem Partner) gehört zum freien martialischen Spiel unserer schönen Kampfkunst, sie ist eigentlich für die Effektivität von Irimi nage überhaupt nicht nötig. Der Moment des Eintretens beendet Ukes Angriff bereits. Auch wenn wir die negativen (Ura)Techniken häufiger üben, solltest du immer auch den initialen Moment, das Irimi, trainieren.

Es ist schön sehen, wie unsere Arbeit zunehmend Leute aus anderen Schulen, Stilen und Ländern anzieht. So auch hier auf diesem Lehrgang, wo sogar jemand aus Oslo extra zum Training angereist kam. Oft sind die Gäste und Interessierten erstaunt über die Kreativität in unserer Arbeit. - Es ist sicher aufregend, sich auf das Neue einzulassen, und es ist insofern mit einer "Gefahr" verbunden als das alte Strukturen, Ansichten und Techniken möglicherweise in Frage gestellt werden - aber es ist noch eine größere Gefahr, sich dem lebendigen Austausch zu verweigern! Ob das nun Seishinkai Aikido ist oder ganz etwas anderes.

Der beste und einzige Weg, Tradition fortzuführen ist, immer wieder aufmerksam mit der Tradition zu arbeiten. Die Veränderungen, die dabei entstehen können, bewahren die Tradition eigentlich erst und machen unsere Geschichte sinnvoll :-)