Pascal DURCHON und Thorsten SCHOO, 2011

Über die Entstehung der Technik beim Üben

Pfingstlehrgang mit Thorsten Schoo Sensei und Pascal Durchon Sensei
Von Philipp Eckerter, Baden-Baden

Zum gemeinsamen Lehrgang von Thorsten Schoo Sensei und Pascal Durchon Sensei mit dem Thema „über die Entstehung der Technik beim Üben“ versammelten sich wissbegierige Aikidoka vom 10. bis 13. Juni im Frankfurt SEISHINKAI in Alt-Bornheim. Hier gehe ich der Frage nach, wie die beiden Lehrer mit der Vermittlung des Themas und der Situation, dies in ihrer eigenen Weise zu tun, umgegangen sind.

Der Lehrgang war aufgebaut in abwechselnde Trainingseinheiten, die unterschiedliche Themen behandelten. Schoo Sensei fokussierte sich dabei neben dem Aikido und einer Einheit Grundlagen auf die Vermittlung vom Kampf mit dem Jo, Durchon Sensei auf den Kampf mit zwei Schwertern.

Die unterschiedliche Themenwahl der Unterrichtseinheiten durch Stock und Schwert spiegelte sich auch in den unterschiedlichen Lehrmethoden und in den unterschiedlichen Zugängen, die uns beide Lehrer zum Thema des Lehrgangs eröffneten, wieder.

Die Stockarbeit von Thorsten Schoo Sensei ist geprägt von fließenden, dynamischen Bewegungen. Ist der Stock einmal in einer Drehbewegung („unendliche Acht“), ergeben sich weitere Bewegungen oftmals, je nach Dynamik die der Jo angenommen hat, aus der Situation heraus. So entwickelt man aus Offenheit und einer flexiblen Grundhaltung heraus nach und nach selbst ein Gespür, wie man von der natürlichen Dynamik des Stockes lernen kann, seine eigenen Bewegungen aus derselben Dynamik und Natürlichkeit fließen zu lassen. Durch diesen Zugang gab Schoo Sensei in seinen Einheiten jedem von uns wertvolles Wissen an die Hand, intuitiv seinen eigenen Körper und dessen Bewegungen zu erschließen und vermittelte uns einen Weg, dieses Wissen zu einem Bestandteil unserer Techniken zu machen, was wir selbst an mehreren Anwendungen erfahren konnten.

Die Zwei-Schwert-Arbeit und die Schwertarbeit speziell hingegen ist getragen von schneidenden Bewegungen und einer klaren Struktur. Schnittbewegungen mit der Klinge sind dazu da, zielgerichtet und mit Entschlossenheit auf den Punkt gebracht zu werden. Im Idealfall ist hierbei ein Kampf nach einer einzigen Aktion entschieden. Mehr als auf das Gespür kommt es hier auf die Schulung der Absicht und der Aufmerksamkeit an. Schon bevor man einen Schnitt ausführt, muss sich über seine Handlungen im Klaren über seine Handlung und fokussiert sein, bevor man einen Schnitt ausführt. Irimi erfolgt nicht nur mit der Klinge und dem Körper, sondern vielmehr schickt man ihm seinen Geist mit derselben Absicht voraus, um auch im Geist des anderen etwas „zum Klingen zu bringen“. Dies alles zeigte sich in einer stabileren Grundstruktur der Bewegungen. So gab es auch bei Pascal Durchon Sensei weiter ab von den fließenden Bewegungen Schoo Senseis viele direktere Eingänge in Techniken und auch Mittel, die eigene körperlich starke Struktur beibehalten zu können, indem man kurzzeitig seinen hohen Standpunkt aufgibt und aktiv in ukemi gleitet.

Man sieht klar und deutlich, wie sich durch die gemeinsame Arbeit der beiden Lehrer auch die Arbeit von Stock und Schwert gegenseitig ergänzen. Beide unterschiedliche Prinzipien lassen sich dank der Vermittlung beider Lehrer in ihrer eigenen Dynamik und Klarheit nebeneinander stellen, und zwar als gleichwertig und gleichberechtigt. Es wird offenbar, wie die weiche Arbeit des Stockes die Arbeit mit dem Schwert verbessert und die klare Arbeit mit dem Schwert eine wichtige Ergänzung zur Stockarbeit ist.

Sobald man ein Gespür für diese natürliche Bewegung des Stockes bekommt, entscheidet man sich beispielsweise jederzeit, wie man die Drehung weiterführt, und wie man sich um diese Drehung herum bewegt. Auch hierbei ist klare Absicht und Entschiedenheit, das heißt „Schwertqualität“ gefordert.

Entwickelt man die fließenden Bewegungen mit dem Schwert, bleibt man flexibel und kann auch nach einem klaren Schnitt, der ins Leere ging, angemessen auf den weiteren Verlauf des Kampfes reagieren – frei sein von sich, seiner ursprünglichen Absicht und damit frei sein von einer Blockade im Körper und Geist, die den lebendigen und natürlichen Umgang mit der Situation verhindert.

So hebt die Arbeit und die Integration mit dem Gegensatz einer Sache die eigentliche Sache auf eine vollkommen neue Ebene, die neue und wertvolle Entwicklung zulässt.

Man spürt deutlich, wie beide Lehrer mit dem Herzen und mit ihrem Geist voll bei dem sind, was sie unterrichten. Sie haben die Fähigkeit, das ureigene Potenzial eines jeden Schülers anzusprechen und tief im Inneren von ihm etwas zum Klingen zu bringen – und sie machen von ihr Gebrauch.

Dies und die Verbindung der oben erwähnten Elemente macht die Arbeit beider Lehrer für alle Beteiligten so wertvoll und es bleibt nur zu hoffen, dass den vorausgegangenen gemeinsamen Lehrgängen und Projekten noch viele weitere folgen.

Fotoshow Pfingstlehrgang Thorsten und Pascal

Dojo geschlossen 1. Juli - 17. Juli

Der SEISHINKAI ist in der Zeit von Freitag, dem 1. Juli bis einschließlich Sonntag, den 17. Juli geschlossen. - In dieser Zeit findet der große Sommerlehrgang von Thorsten Schoo im Kleinwalsertal statt.

Eindrücke zum Lehrgang mit Inaba Sensei in Heidelberg

Von Mirjam Fischer, Frankfurt

Wenn man auf einen Aikido, bzw. Budo-Lehrgang geht, erwartet man als Letztes,  theoretischen Unterricht an der Tafel zu erhalten. Insbesondere, wenn der leitende Meister Japaner ist. Man erwartet sicherlich Strenge, einen hohen Anspruch an Disziplin, jedoch keinen Unterricht an der Tafel, den man still in Seiza sitzend verfolgt. Doch genau das ist es, was wir in Heidelberg bei Inaba Sensei erlebt haben. Natürlich mussten auch die Kami der Bergstraße angesprochen und das Ki der Sporthalle mit Schwertschnitten gereinigt werden. Auf diese Weise haben wir sogar eine „Präsentation“ seiner Schwertkünste und der Schwertkünste seiner langjährigen Schüler erhalten. - Die Intensität dieser Momente war groß.

Die bedauerlicherweise seltenen und kurzen Momente, bei denen Gelegenheit war, selbst zu üben, waren intensiv und bereichernd. Insbesondere die Begegnung mit Miki-San hat mich beeindruckt, und mir – gerade auch als Frau – besonders gefallen.

Darüberhinaus wurden wir bereichert um eine Betrachtung der Fukushima-Katastrophe aus Sicht eines Budo-Meisters. Und es wurde recht gut spürbar, wie es gemeint ist, wenn gesagt wird, dass man jede Bewegung immer so ausführen solle, als sei sie die letzte Bewegung. Im selben Rahmen wurde deutlich, worum es geht, wenn man sich Tag für Tag, Minute für Minute darum bemüht, den Geist frei werden zu lassen – frei von Urteilen, frei von Furcht.


Wurzeln des Budo, Aikido Seminar mit Minoru Inaba Sensei

Von Philipp Eckerter, Baden-Baden

Zum zweiten Mal begab ich mich nun auf den Weg nach Heidelberg um den Geist des Budo direkt durch einen japanischen Meister zu erfahren. Diese Möglichkeit bot Minoru Inaba sensei, der vorherige Leiter des Meiji Jingu Shiseikan Budojos in Tokyo. Inaba sensei lehrt sowohl Aikido und kashima shinryu kenjutsu. Wesentliche seiner geistigen Wurzeln sind neben dem Budo auch im Shintoismus verankert.

Wie war es für mich einem japanischen Lehrer zu begegnen?
Interessant fand ich, dass meine Erwartungen in fast jeglicher Hinsicht wenig Halt hatten.
Um diese Erfahrung zu verdeutlichen, möchte ich ein Bild verwenden: Stellen wir uns einen Baum vor, über den wir uns die Lehre des Budo verinnerlichen können.
Bisher sind mir Lehrmethoden, die an kleinen Blättern anfangen, besser vertraut. Ai hamni ikkyo omote als ein Blatt, das man wahrnimmt, Ai hamni ikkyo ura als ein ihm benachbartes Blatt. Angefangen mit Details lernt man in der Regel zuerst einzelne Blätter und deren Strukturen kennen - wie sie sich voneinander unterscheiden, sich ähneln, aber doch aus einem Prinzip bestehen und letztendlich über den gesamten Baum verbunden sind.

So bekommt man nach und nach durch verschiedene Techniken eine Ahnung von Budo, man erkennt Regelmäßigkeiten im Bau der Blätter, deren Verbindungen durch Zweige, Äste, bis man irgendwann eine Ahnung vom Stamm und vom Aufbau des Baumes bekommt.

Die Reise, die wir unter Inaba sensei antreten, beginnt weit unten an den Wurzeln dieses Baumes. Hier stellt er uns dieses Reich vor. Er beginnt direkt an fundamentalen Prinzipien des Budo, wie er sie nach einem lebenslänglichen Studium versteht, und leitet uns von dort aus Schritt für Schritt weiter. Er öffnet uns einen Zugang, wie wir die Blätter des Baumes zur volleren und reiferen Blüte wachsen lassen können. Gerade dies ist für mich eine wertvolle Ergänzung zum Training, speziell den philosophischen Aspekt der Technik nahe gebracht zu bekommen.

Wie sieht diese Bild konkret aus?
Inaba vermittelte an diesem Tag viel von diesem Geist des Budo über Erklärungen und Prinzipien. Die Hälfte des Lehrgangs saßen alle Teilnehmer auf der Matte und hörten ihm zu.  Zwischendurch begab er sich zu einer Tafel, die am Rand bereit stand, und zeichnete und erläuterte japanische Begriffe, um seine Worte zu unterstützen. Unterbrochen wurde dies durch Demonstrationen dieser Prinzipien - sowohl mit Schwert als auch ohne - und kurze Übungseinheiten unsererseits, in denen wir sie anwenden und verinnerlichen konnten.

Immer wieder war von uns komplette körperliche Entspannung gefordert, flexible Bewegungen in den Füßen und ein frei Machen der Arme und Schultern, immer wieder verbunden mit unserem Atem und einem stabilen Zentrum. Inaba lehrte uns auch eine Art, Energie über eine Atemmeditation in unserem Zentrum anzusammeln und zu speichern.

Was habe ich als Anfänger mitgenommen?
Ein Gespür dafür, wie es an dieser Wurzel aussieht, und damit ein tieferes Wissen für die Zusammenhänge des Budo. Von der Erfahrung meines ersten Lehrgangs bei Inaba sensei weiß ich, dass sich dies in die täglichen Übungen weiter trägt und dort nach und nach zur Entfaltung kommt.

Weiterhin ein Gespür für die Wurzeln mit denen der Baum in der Erde verhaftet ist. Ein Baum muss, damit er hoch wachsen kann, tief in der Erde verwurzelt sein, seine Stabilität aus der Erde fassen. Möchte er nur nach oben hinaus, kann schon ihn ein Windstoß umreißen. Er muss seine Wurzeln auch tief in der Erde erstrecken. Dies verdeutlichte er für mich am Prinzip des life-giving-sword (katsujin-ken) und des killing-sword (setsunin-to). Es kam mir dabei auch folgendes Verständnis: Die eigene Aggression ist von wesentlicher Bedeutung. Ihr steht man oftmals skeptisch und misstrauisch gegenüber. Es geht aber weniger darum, die Aggression zur Zerstörung von etwas einzusetzen und deshalb Furcht vor ihr zu entwickeln oder sie zu unterdrücken, sondern eben die durch sie freiwerdende zerstörerische Energie mit Klarheit und Entschiedenheit zu transformieren, zu leiten - und sie in den Moment der Verteidigung zu integrieren.

Von essentieller Bedeutung für Budo ist nach Minoru Inaba sensei die Atmung. Damit einhergehend die Entwicklung eines entspannten Körpers, der Kontakt von Zentrum zu Zentrum zulassen kann, und im entscheidenden Moment, verbunden mit dem eigenen Zentrum, handelt. Es ist wichtig, selbst vollkommen flexibel sein, aber ein stabiles Zentrum zu besitzen, mit dem man spontan auf das reagieren kann, was da ist. Das ist gerade für uns westliche Menschen wichtig. Für uns ist es oftmals leichter, eine hohe Körperspannung zu entwickeln, als entspannt zu sein, aber eine Spannung genau in dem kurzen Moment herbeiführen zu können, wenn es wirklich auf sie ankommt.

Schön war es auch, den Menschen außerhalb der Matte zu erleben: Sicher wird es mir länger in Erinnerung bleiben, Inaba sensei begleitet in von einer kleinen Runde von Zuschauern auf einer Slackline balancieren zu sehen. Dieses Laufen auf der Slackline erfordere eine große Kunst in der Findung des Gleichgewichts – somit eigne es sich auch hervorragend für die Gleichgewichtsfindung beim ken jutsu, zum Beispiel kurz bevor man einen kesa giri ansetzt. Weiterhin, so scherzte er, überlege er, den Lehrgang nach draußen auf die Slackline zu verlegen.

Inaba sensei ist für mich eine Vorbildperson mit großer Ausstrahlung. Er ist ein (willens)starker Krieger; gleichzeitig ist er weise, menschlich und mitfühlend, mit einem Herz sowohl für die Menschen als auch die Natur und ihrer Wesen - und das vermochte er in diesem Lehrgang zu vermitteln.