Wurzeln des Budo, Aikido Seminar mit Minoru Inaba Sensei

Von Philipp Eckerter, Baden-Baden

Zum zweiten Mal begab ich mich nun auf den Weg nach Heidelberg um den Geist des Budo direkt durch einen japanischen Meister zu erfahren. Diese Möglichkeit bot Minoru Inaba sensei, der vorherige Leiter des Meiji Jingu Shiseikan Budojos in Tokyo. Inaba sensei lehrt sowohl Aikido und kashima shinryu kenjutsu. Wesentliche seiner geistigen Wurzeln sind neben dem Budo auch im Shintoismus verankert.

Wie war es für mich einem japanischen Lehrer zu begegnen?
Interessant fand ich, dass meine Erwartungen in fast jeglicher Hinsicht wenig Halt hatten.
Um diese Erfahrung zu verdeutlichen, möchte ich ein Bild verwenden: Stellen wir uns einen Baum vor, über den wir uns die Lehre des Budo verinnerlichen können.
Bisher sind mir Lehrmethoden, die an kleinen Blättern anfangen, besser vertraut. Ai hamni ikkyo omote als ein Blatt, das man wahrnimmt, Ai hamni ikkyo ura als ein ihm benachbartes Blatt. Angefangen mit Details lernt man in der Regel zuerst einzelne Blätter und deren Strukturen kennen - wie sie sich voneinander unterscheiden, sich ähneln, aber doch aus einem Prinzip bestehen und letztendlich über den gesamten Baum verbunden sind.

So bekommt man nach und nach durch verschiedene Techniken eine Ahnung von Budo, man erkennt Regelmäßigkeiten im Bau der Blätter, deren Verbindungen durch Zweige, Äste, bis man irgendwann eine Ahnung vom Stamm und vom Aufbau des Baumes bekommt.

Die Reise, die wir unter Inaba sensei antreten, beginnt weit unten an den Wurzeln dieses Baumes. Hier stellt er uns dieses Reich vor. Er beginnt direkt an fundamentalen Prinzipien des Budo, wie er sie nach einem lebenslänglichen Studium versteht, und leitet uns von dort aus Schritt für Schritt weiter. Er öffnet uns einen Zugang, wie wir die Blätter des Baumes zur volleren und reiferen Blüte wachsen lassen können. Gerade dies ist für mich eine wertvolle Ergänzung zum Training, speziell den philosophischen Aspekt der Technik nahe gebracht zu bekommen.

Wie sieht diese Bild konkret aus?
Inaba vermittelte an diesem Tag viel von diesem Geist des Budo über Erklärungen und Prinzipien. Die Hälfte des Lehrgangs saßen alle Teilnehmer auf der Matte und hörten ihm zu.  Zwischendurch begab er sich zu einer Tafel, die am Rand bereit stand, und zeichnete und erläuterte japanische Begriffe, um seine Worte zu unterstützen. Unterbrochen wurde dies durch Demonstrationen dieser Prinzipien - sowohl mit Schwert als auch ohne - und kurze Übungseinheiten unsererseits, in denen wir sie anwenden und verinnerlichen konnten.

Immer wieder war von uns komplette körperliche Entspannung gefordert, flexible Bewegungen in den Füßen und ein frei Machen der Arme und Schultern, immer wieder verbunden mit unserem Atem und einem stabilen Zentrum. Inaba lehrte uns auch eine Art, Energie über eine Atemmeditation in unserem Zentrum anzusammeln und zu speichern.

Was habe ich als Anfänger mitgenommen?
Ein Gespür dafür, wie es an dieser Wurzel aussieht, und damit ein tieferes Wissen für die Zusammenhänge des Budo. Von der Erfahrung meines ersten Lehrgangs bei Inaba sensei weiß ich, dass sich dies in die täglichen Übungen weiter trägt und dort nach und nach zur Entfaltung kommt.

Weiterhin ein Gespür für die Wurzeln mit denen der Baum in der Erde verhaftet ist. Ein Baum muss, damit er hoch wachsen kann, tief in der Erde verwurzelt sein, seine Stabilität aus der Erde fassen. Möchte er nur nach oben hinaus, kann schon ihn ein Windstoß umreißen. Er muss seine Wurzeln auch tief in der Erde erstrecken. Dies verdeutlichte er für mich am Prinzip des life-giving-sword (katsujin-ken) und des killing-sword (setsunin-to). Es kam mir dabei auch folgendes Verständnis: Die eigene Aggression ist von wesentlicher Bedeutung. Ihr steht man oftmals skeptisch und misstrauisch gegenüber. Es geht aber weniger darum, die Aggression zur Zerstörung von etwas einzusetzen und deshalb Furcht vor ihr zu entwickeln oder sie zu unterdrücken, sondern eben die durch sie freiwerdende zerstörerische Energie mit Klarheit und Entschiedenheit zu transformieren, zu leiten - und sie in den Moment der Verteidigung zu integrieren.

Von essentieller Bedeutung für Budo ist nach Minoru Inaba sensei die Atmung. Damit einhergehend die Entwicklung eines entspannten Körpers, der Kontakt von Zentrum zu Zentrum zulassen kann, und im entscheidenden Moment, verbunden mit dem eigenen Zentrum, handelt. Es ist wichtig, selbst vollkommen flexibel sein, aber ein stabiles Zentrum zu besitzen, mit dem man spontan auf das reagieren kann, was da ist. Das ist gerade für uns westliche Menschen wichtig. Für uns ist es oftmals leichter, eine hohe Körperspannung zu entwickeln, als entspannt zu sein, aber eine Spannung genau in dem kurzen Moment herbeiführen zu können, wenn es wirklich auf sie ankommt.

Schön war es auch, den Menschen außerhalb der Matte zu erleben: Sicher wird es mir länger in Erinnerung bleiben, Inaba sensei begleitet in von einer kleinen Runde von Zuschauern auf einer Slackline balancieren zu sehen. Dieses Laufen auf der Slackline erfordere eine große Kunst in der Findung des Gleichgewichts – somit eigne es sich auch hervorragend für die Gleichgewichtsfindung beim ken jutsu, zum Beispiel kurz bevor man einen kesa giri ansetzt. Weiterhin, so scherzte er, überlege er, den Lehrgang nach draußen auf die Slackline zu verlegen.

Inaba sensei ist für mich eine Vorbildperson mit großer Ausstrahlung. Er ist ein (willens)starker Krieger; gleichzeitig ist er weise, menschlich und mitfühlend, mit einem Herz sowohl für die Menschen als auch die Natur und ihrer Wesen - und das vermochte er in diesem Lehrgang zu vermitteln.