Von der Geburt der Technik

Bericht über den Lehrgang mit Aoki Hisashi Sensei im Februar 2012,  von Mirjam Fischer

Ende Februar diesen Jahres hatte wir im Hombu-Dojo in Frankfurt das Glück auf Thorsten Schoos Einladung hin, Aoki Hisashi Sensei, einen direkten Schüler von Inaba Minoru-Sensei aus dem Shiseikan, bei uns als Seminarleiter für einen sehr intensiven Schwert- und Aikido-Lehrgang zu Gast zu haben. Es war: Überwältigend. 

Schwierig zu beschreiben, was den Lehrgang so intensiv gemacht hat. Was ich auf Anhieb angenehm fand, war mit Aoki-Sensei einem dem traditionellen Budo stark verbundenen Japaner zu begegnen, der in seinem persönlichen Auftreten erfrischend bescheiden und bodenständig ist. Mit unverstellter Hingabe hat Aoki-Sensei uns seine Art zu  unterrichten, seine Gedanken und seinen Zugang zu Schwert und Aikido angeboten. 

Sein Ansatz kommt sehr stark von der intuitiven Seite. Wichtig sind von Anfang an die Arbeit aus dem Hara, die Bewegung in einem Zug, die volle Entfaltung allen Vermögens in dem einen entscheidenden Moment. Es gibt keine Lücke und auch keinen Widerstand. Der Übende lernt, seine ganze Energie im Zentrum zu versammeln und sich zugleich von allen Blockaden im restlichen Körper zu befreien, so dass er in dem einen Moment der Begegnung ungehindert seine ganze Energie in einer kurzen Entladung einsetzen kann.
 
Besonders prägend war für mich im Nachhinein überraschenderweise Aoki-Senseis häufige Erwähnung der Geburt der Technik. Sein Unterricht begann zumeist mit Übungen, die ausschließlich dazu dienten, das Hara zu stärken. Von dort ausgehend haben wir mit nur wenigen Bemerkungen zu technischen Details unsere körperlichen Möglichkeiten, die Natur der Bewegungen und ihre Folgen erkundet. Dadurch ergaben sich während des Übens ganz grundlegende, klare Fragestellungen. Habe ich das Kraftzentrum im Hara aktiviert, meine Gliedmaßen von überflüssiger Anspannung geleert, gibt es keine Blockaden in den Gelenken? Wenn ich so bewege, was ergibt sich? 

Im Aikido haben sich in der Folge ganz schlichte "Lösungen" ergeben. Es ging kaum um die Nachahmung einer vorgegebenen Form. Es wurde wenig darauf geachtet, ob die äußere Form des Ergebnisses schön, für den Partner schützend oder womöglich sogar angenehm ist. Aoki Sensei hat im Gegenteil sogar hervorgehoben, dass es nicht um die Schönheit der Bewegung sondern um ihre Wirksamkeit geht. Die gemeinsame Bewegung wird in diesem Moment tatsächlich Resultat der Begegnung der beiden, wie zuvor beschrieben, vorbereiteten Körper (gefülltes Tanden, leere, frei verfügbare Extremitäten). Dies ist der Geburt der Technik. Sie entsteht im Ideal spontan, aus der geschulten Intuition. 

Ein weiteres wichtiges Motiv in Aoki-Senseis Unterricht war die Spirale. Sie kam insbesondere im Schwertunterricht zur Sprache. So ist das vermeintlich ruhig gehaltene Schwert tatsächlich immer in einer leicht kreisenden Bewegung. Selbstverständlich geht diese Bewegung nicht von den Händen aus, sondern von der Körpermitte. Dies ist möglich, wenn die Schultern durchlässig, die Arme entspannt und der Griff der Hände leicht und neutral ist. Auch bleibt die Spirale nicht in der Körpermitte stecken, sondern sie erstreckt sich weiter in die Füße. Die Füße, die übrigens ansonsten ganz leicht sind, dem Kenjutsuka vollkommen zur Verfügung stehen. Hierzu haben wir unter anderem eine sehr lustige Übung gemacht, bei der wir aufgefordert waren, die Füße mehrmals in ihrer Schrittstellung zu wechseln ohne zu hüpfen. Schwierig wurde diese Übung besonders in dem Moment, wo gefordert wurde, mehr als zwei Schrittwechsel auf einmal durchzuführen. Aoki-Sensei hat diese Wechsel so schnell und geschmeidig ausgeführt, dass wir alle nicht folgen konnten.  Mit diesen sehr schnellen, beweglichen Füßen und dem vermeintlich ruhigen, in der Spirale aktiven Schwert, wird vorstellbar, wie der geübte Schwertkämpfer permanent für jede mögliche Bewegung frei ist. Wie in jedem Moment eine neue Technik geboren werden kann!

Einen Ausblick darauf haben wir tatsächlich auch im Kata-Training erhalten, da sich Aoki-Sensei freundlicherweise darauf eingelassen hat, uns alle 5 Schwertserien aus seiner Sicht vorzustellen, so dass wir sogar einen recht praktischen Ausblick auf Kassen (die 5. Serie des Kashima no tachi) erhalten haben. Besonders einprägsam, gerade in Bezug auf den Gedanken der Geburt der Technik, fand ich Aokis sehr bildliche Darstellung von Kassen als der Kata, die auf das Schlachtfeld vorbereitet. Auf dem Schlachtfeld darf der Kämpfer sich nicht mehr auf die Begegnung Eins zu Eins einlassen, sondern in der Begegnung ist die Entscheidung schon gefällt, die Bewegung schon ausgeführt, die Begegnung beendet, die neue Begegnung eingeleitet. Dies ist sehr schwierig. Obwohl die körperliche Ausführungen der zur Kata gehörigen Bewegungsabfolgen nicht übermäßig fordernd ist, ist es sehr schwierig, sie in der richtigen geistigen Verfassung auszuführen, denn man muss für ihr Gelingen vollkommen gelassen und entspannt sein.

In Erinnerung an Aoki-Senseis Übungen wird mir bewusst, wie sehr diese Übungen in ihrer Schlichtheit zugleich Übungen für den Geist sind, da sie eine hohe Konzentration und zugleich eine große Entspanntheit abverlangen. So darf man bei stetiger Übung hoffen, dass sich das Körperliche hier auch fördernd auf den Geist auswirkt.

Während das Taijutsu wenig formal geübt und angeleitet wurde, wurde das Schwert sehr streng unterrichtet. Wie üblich, wurden einige Fortgeschrittene eingeteilt, die neben Aoki-Sensei während des gesamten Seminars für alle anderen Teilnehmer Ukemi gegeben haben. Der ganz besondere Moment war es natürlich Aoki-Senseis Ukemi zu empfangen. Hier gab es neben intensiver Schulung auch eine deutliche Begegnung der Kulturen, denn es kann leicht passieren, dass man einen Gutteil der Übung von ihm angebrüllt wird. Ich hatte das in der Dordogne und in Heidelberg bei Inaba-Senseis Lehrgängen schon gesehen, aber es bis dahin noch nicht selbst erlebt. Nach der Begegnung "im Feuer" habe ich den Eindruck, dass dieses Anschreien etwas ist, dass kulturell in Japan anscheinend völlig anders bewertet wird als in Europa – zumindest im Budo. Selbstverständlich löst das Angeschrien-Werden immer einen gewissen Stress aus. Ich konnte währenddessen jedoch genau sehen, wie viel Aoki-Sensei daran lag, dass ich die Bewegung, um die es ging, richtig mache. Ich sah keinen Zorn in seinen Augen, sondern nur das unbedingte Interesse, dass die Bewegung klappen soll. Kaum war eine Bewegung/Haltung erreicht, die seinen Vorstellungen annähernd entsprach, wurde er erfreut und weich. Die Kata wurde dann weiter geführt. Nur um im nächsten Moment des Ungenügens wieder in Schreien zu münden. Dieses Erlebnis lässt sich schwer beschreiben, denn diese Begegnung bleibt trotz allem eine Art Feuertaufe, wann immer sie stattfindet, und das soll sie sicherlich auch sein. Nichtsdestotrotz ist dies eine ganz andere Begegnung als wenn man von jemanden angeschrien wird, der tatsächlich ungeduldig und voller Zorn ist und das Persönliche mit dem Notwendigen verwechselt.

Ich bin sehr dankbar für diese einmalige Begegnung und Erfahrung und hoffe, dass sie nicht einmalig bleibt.