Mut zur Verbeugung

Im Aikido-Dojo gibt es die Konvention sich zu verbeugen. Bei allen möglichen Anlässen: Vor dem Betreten der Matte, vor und nach der Stunde, vor und nach jeder Übung, nach einer Korrektur durch den Trainer /Lehrer. Vielleicht auch im Verlauf einer schwierigen Begegnung...
Manchmal fällt einem das Verbeugen schwer. Warum soll ich mich vor diesem Partner verbeugen? Er/sie hat weniger Erfahrung/Ahnung/Talent als ich, hat mich gerade verärgert, mir weh getan. Oder man ist einfach schon so müde, mit den Gedanken noch bei den Besonderheiten einer Technik, oder geistig schon von der Matte gegangen...
Ansprechend und absolut versöhnend finde ich zu diesem Thema folgenden Auszug aus Jack Kornfields Buch "Nach der Erleuchtung Wäsche waschen...".

Es fiel mir schwer, diesen Mitbewohnern […einem alten ungepflegten Reisbauern […], der vor einem Vierteljahr im Zuge der Ruhestandsregelung für Bauern ins Kloster gekommen war, ständig Betelnuss kaute und noch nie in seinem Leben meditiert hatte] in der Waldeseinsamkeit Respekt zu zollen, als wären sie große Meister. Trotzdem verbeugte ich mich weiter, während ich in meiner Not nach einer Lösung suchte. Und als ich mich wieder auf einen Tag voller Verbeugungen vor meinen "Älteren" gefasst machte, kam ich schließlich auf die Idee, meine Verbeugung einem würdigen Aspekt des Betreffenden zu widmen. Ich verbeugte mich vor den Lachfalten des alten Bauern dafür, dass er all die Schwierigkeiten durchgestanden hatte, denen er in seinem Leben begegnet war. Ich verbeugte mich vor der Lebensfreude und Tatkraft der jungen Mönche, vor den unglaublichen Chancen, die das Leben noch für sie bereit hielt.
Mir begann das Verbeugen Spass zu machen. Ich verbeugte mich vor meinen "Älteren". Ich verbeugte mich beim Betreten und Verlassen der Meditationshalle, ich verbeugte mich, bevor ich in meine Waldklause ging, und vor der Quelle, bevor ich ein Bad nahm. Bald hatte ich mich an das Verbeugen richtig gewöhnt - es war mir zur zweiten Natur geworden. Was immer sich bewegte, ich verbeugte mich davor.
[…] Die wahren Aufgaben des spirituellen Lebens liegen nicht in weiter Ferne und sind auch nicht in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen zu finden: sie warten hier und jetzt auf uns. Man muss dem Leben, so wie es ist, auf kluge, achtsame und freundliche Art begegnen. Alles verdient diese Art Verbeugung, Schönheit und Leiden, Verstrickung und Verwirrung, Ängste und weltliche Ungerechtigkeit.
Wenn man der Wahrheit derart aufrichtig begegnet, dann ist man auf dem Weg zur Freiheit. Es ist nicht unbedingt leicht, sich statt vor Idealen vor dem zu verbeugen, was ist, aber ungeachtet dessen ist es eine der nützlichsten und würdigsten Übungen überhaupt."

Die Lektüre dieses Abschnitts hat mich in diesem Moment sehr friedlich gestimmt. Ich finde, es wird sehr deutlich, was wir im Aikido eigentlich machen. Was wir erreichen können, wenn wir unserer Übung folgen, wenn wir geerdet bleiben, im Alltag und auf der Matte. Uns fällt es dann leichter, uns und unsere Umwelt so anzunehmen, wie wir gerade sind.

Mirjam