Aikido mit mir selbst oder: So macht mir Meditation endlich Spaß!

Das Unbewusste hat ja Humor. Es produziert tolle Bilder, ein inneres Kino, das ich mir gern ansehe. Jedenfalls dann, wenn ich eine Methode zur Meditation nutze, die bei mir bisher tiefergehend wirkte als Stillsitzen und Atemzüge zählen: „Den Dämonen Nahrung geben“, die Methode wird im gleichnamigen Buch von Tsültrim Allione ausführlich beschrieben. „Dämonen“, das sind unsere inneren und äußeren Angreifer - das Kopfweh, das Suchtverhalten, die Angst oder der Krebstumor, aber auch der fiese Chef, die zerstrittene Schwester, der ums Kind zankende Ex-Gatte. Sie plagen uns und machen uns im schlimmsten Fall das Leben zur Hölle. Mit ihnen allen können wir in unserem Inneren, meditierend, Aikido praktizieren, indem wir ihnen etwas anderes geben als sonst oft: Zuwendung, Verständnis, Hingabe an das was sie brauchen. Es kostet uns nichts als etwa 30 Minuten Zeit. Es gibt nichts zu verlieren, aber viel an Einsicht, Ruhe und Liebe zu gewinnen.

In der Meditation stellen wir uns sehr bildlich „jenes Schlimme“ als einen Dämon mit Körper, Gesicht und Augen vor. Wir fragen: Was willst Du von mir? Was brauchst Du von mir? Wie wirst Du Dich fühlen, wenn Du bekommen hast, was Du brauchst? In der Meditation schlüpfen wir in die Rolle des Dämons und geben selbst die Antworten, die häufig überraschend sind. Zentral ist dann, den „Dämon“ zu füttern. Wir verwandeln in der Vorstellung unseren eigenen Körper in einen Nektar aus dem Gefühl, nach dem der Dämon sich sehnt und nähren ihn damit, bis er verschwindet: ein Bad aus Leichtigkeit, wenn er sich gern leicht fühlen möchte, oder eine Woge aus Liebe, wenn er sich geliebt fühlen möchte. Wir visualisieren auch eine verbündete Figur, die wir u.a. fragen, welche Unterstützung sie uns gibt und wie wir sie rufen können. Und in der Rolle des Verbündeten geben wir auch die Antwort. Das anschließend empfohlene „Ruhen im Gewahrsein“ als letzter Schritt des Vorgehens fällt mir nach all diesen Bildern viel leichter als andere, früher erprobte Meditationsweisen.

Mein innerer Konflikt ist dann nämlich auf symbolischer Ebene bereits bearbeitet, und ich habe Zeit, wirklichen Frieden zu erleben. Davor begegne ich skurrilen, bemitleidenswerten, fiesen oder witzigen Figuren. Und erhalte verblüffende Einsichten, zu denen ich kaum alleine auf rationalem Weg gekommen wäre. Mein erster Versuch mit dem Dämonenfüttern galt meiner Angst vor einem schwierigen Gespräch. Die Inhalte dieser ersten Meditation erinnere ich nicht mehr, aber deren Resultat: Ich war voller Liebe und Fröhlichkeit, als ich zu dem Gespräch fuhr, ich hätte laut singen mögen! Das Gespräch verlief schwierig, und ich blieb in dieser liebevollen und frohen Haltung und bewältigte es gut. Von meiner Angst befreit, verstand ich nun die Angst der Gesprächspartnerin, und wir fanden in weiteren Gesprächen zu einer Lösung.

Spätere Dämonenfütterungen waren in ihrer Wirkung anders, oft sanfter, immer entstand aber Klärung, kam eine Anregung, spürte ich leichteres Atmen, ein befreites Körpergefühl. Neben diesem guten Nachklang lockt mich immer wieder die bunte Bilderfülle, die mich jedes Mal mit etwas Neuem überrascht, und die mir anschließend reichlich Stoff zum Nachdenken, Deuten und oft auch zum Schmunzeln bietet. Sie wirkt wie ein Versprechen, mich dem zuzuwenden, was mich bedrückt, statt davor zu fliehen. Was mir eben noch als Feind erscheint, das offenbart mir wichtige Botschaften. Plötzlich meditiere ich gern.   
Vera Jost