Chi Kung, The Law of Least Effort und das Schwert

Mein Aufenthalt neigt sich dem Ende zu, und ich habe die neuen Eindrücke inzwischen so weit verarbeitet, dass ich nun gerne auch über den Aikido-Unterricht hier berichten möchte. Selbstverständlich will ich nicht über das Bekannte sprechen, sondern über die Besonderheiten im Training hier, die es zu einer neuen Erfahrung, einer Bereicherung in der Begegnung machen.

Ein Charakteristikum von Dimitris Training ist, dass er zur Aufwärmung nicht selten mit Chi Kung Übungen beginnt. Die Übungen, die er praktiziert, stammen aus dem Zhang Zhuang Chi Kung, einer Form des stehenden Chi Kung. Charakteristisch sind die recht statischen, stehenden Formen und die damit verbundene tiefe Arbeit der inneren Entspannung. 
In Bezug auf das Erringen von Entspannung und Fülle zugleich, ist dieses Chi Kung sehr anspruchsvoll, zugleich jedoch sehr effektiv für eine Weiterentwicklung der eigenen Kampfkunst. Wie schon erwähnt, werden die meisten Formen statisch geübt. Man verbringt sehr viel Zeit unbewegt stehend mit nur geringen oder keinen Bewegungen. Die Arbeit findet unsichtbar statt, im Atmen, im Loslassen einzelner Muskelpartien und Reorganisieren ineffektiver Halteketten.

Entsprechend war ein wichtiges von Dimitris für das Training geliefertes Stichwort:
The Law of Least Effort/Das Gesetz der geringsten Anstrengung. Beispielsweise sollte die Beinmuskulatur beim Stehen die geringst mögliche Haltearbeit leisten. Man steht sozusagen aus dem Hara heraus. Ein anderes Gefühl ist, man wird von der Erde getragen.
Meine persönliche Herausforderung lag darin, nachdem die Oberschenkel relativ wenig angestrengt waren, auch die Waden 'leer zu kriegen'. Eine Frage des Loslassens, nicht des Tuns. Ich empfand deutlich, dass in diesen Übungen das Himmel-Erde-Prinzip verborgen ist. Während man sich einerseits im Boden verwurzelt, strebt man zugleich innerlich nach oben.


Das zweite wichtige Stichwort zu diesem Aspekt des Trainings war an den Umgang mit den Armen gerichtet: 'Weight underside'; das Gewicht auf der Unterseite. Besser kann man nicht ausdrücken, dass insbesondere die Ellbogen schwer sein sollen. Die Aufforderung 'weight underside' erzeugt ein sehr passendes Bild der passiven Arbeit, die man in die Ellbogen investiert. Es ist im Prinzip eine Aufmerksamkeitsarbeit, die sich ebenfalls vorrangig mit dem Loslassen, weniger mit dem Tun beschäftigt.

Diese Arbeit ist nicht nur für das Aikido eine gute Grundlage, sondern auch für die Schwertarbeit. Die Prinzipien der entspannten Extremitäten, der leeren Gelenke, der Fülle im Zentrum und des Himmel-Erde-Prinzips führen auch im Kenjutsu zu einer guten stabilen Haltung und zugleich zu freien, wirksamen und schnellen Bewegungen.

Dies ist mit Bezug auf meine Aufgabe hier Kihon Dachi zu unterrichten eine wichtige Grundlage für einen sehr fruchtbaren Austausch zwischen Dimitris und mir geworden.