In der Schule


Heute werde ich ein bisschen über den Schulalltag berichten.
Je nach Einstellung und Interesse beginnt der Tag für die Studenten um 8.00 Uhr mit der sogenannten Morgenaktivitet. Dies sind freiwillige Veranstaltungen, die Studenten und die verschedenen Gæste, die hier ueber das Jahr eingeladen sind, für interessierte (Mit-)Studenten aus egal welchen Bereichen anbieten kønnen. Das kann Musik sein, Politik, politisches Gespräch und Alles was man sich vorstellen kann. Dimitris hat mich inzwischen gefragt, ob ich da nicht auch etwas anbieten will, und ich habe mir heute gedacht, dass ich ihm Grundlagen vorschlagen werde. Das ist etwas Typisches aus dem Seishinkai-Training, und allgemein genug, dass es auch fuer die Schueler ausserhalb der Aikido-Klasse interessant sein kann.

Ab 8:30 Uhr gibt es dann Frühstück. Es wird als Buffet angeboten, wie übrigens alle vier Mahlzeiten. Man bekommt Obst, Marmeladen, Käse, Wurst, Fisch oder auch Porridge, mit einem großen Angebot an getrockneten Früchten und Mandeln. Zu Trinken gibt es Tee, Wasser oder Milch, was für eingefleischte Kaffeetrinker natürlich eine Herausforderung ist. Aber wer mit eigener Teeküche auf dem Zimmer ausgestattet ist, kann natürlich auch im nächst gelegenen Coop (hier mit rot-gelbem Design) die Kaffeekreation der eigenen Wahl kaufen, und sie im eigenen Speiseschrank bunkern, um sie bei Bedarf zu konsumieren.

Um 8:45 Uhr treffen sich das Lehrerkollegium und der Vertrauensschüler im Lehrerzimmer zur Besprechung anliegender Themen für den Tag, insbesondere in Vorbereitung für das Morning-Meeting, das für alle 89 Schüler und (anwesenden) Lehrer verpflichtend ist und das um 9:15 Uhr beginnt. 
Das Morning Meeting ist ein ganz besonderes Treffen. Nachdem die Anwesenheit aller von einem verantwortlichen Schüler festgestellt, und die täglichen Putz-und Kochaufgaben verteilt worden sind, wird mindestens montags und freitags gemeinsam ein Lied gesungen. Danach werden wichtige Ansagen für den Tag gemacht, zuerst vom Lehrerkollegium, danach von den Schülern. Ausserdem gibt es dann noch die Morgen-Gabe. Eine meinem Empfinden nach ganz grossartige Einrichtung. Eine Person aus der Versammlung stellt etwas vor, das er oder sie mit der ganzen Schule teilen möchte. An den ersten beiden Tagen dieser Woche wurden jeweils Musikstücke vorgespielt. Das ist eine schöne Einstimmung des Tages, nicht nur wenn "California Dreaming" gespielt wird. Es kann auch mal ein Jux sein. Heute hatten wir alle ausserordentlich viel Spass daran, denn ein Schueler hat uns in vier Gruppen eingeteilt, entsprechend der Seiten des Raumes an denen wir sassen, und uns gebeten entsprechend der Høhe seiner Hænde, und entsprechend der (Intensitæt und Art der) Bewegung einen Ton von uns zu geben. So æhnlich wie die Laola im Fussballstadion. Es war ein unglaublicher Spass!

Dies alles dauert höchstens eine halbe Stunde. Eigentlich ist dafür sogar nur eine Viertelstunde angesetzt. Nun beginnt um 9:45/10:00 Uhr der eigentliche Unterricht. Für die Aikido-Klasse also Aikido und Schwert.
Innerhalb der Stunden achtet Dimitris sehr darauf, eine Stimmung der Gemeinsamkeit, Achtsamkeit und des gegenseitigen Respekts herzustellen. So wird vor Beginn der Stunde ein Ræucherstæbchen angezuendet, und jeder der das Dojo betritt, ist aufgefordert am Eingangsbereich in Seiza zuerst die Kamiza, und dann die Gruppe mit Zarei zu begruessen. Als næchstes liest einer der Schueler aus der kleinen Spruechesammlung "The Art of Peace" von Morihei Ueshiba (Uebers. J. Stevens, Shambala Pocket Classics) einen Spruch vor, den er/sie mit der Gruppe teilen møchte und bietet dazu eine kurze persønliche Auslegung an. Den Spruch von heute møchte ich hier gerne mit Euch teilen, denn er verræt auch einiges ueber den Geist, den Dimitris in der Gruppe zu kreieren weiss:

The Art of Peace

is based on Four Great Virtues:

Bravery, Wisdom, Love and Friendship,

symbolized by Fire, Heaven, Earth and Water



Die Auslegung, die mich in ihrer Weitsicht sehr beruehrt hat war, dass es das Zusammenwirken all dieser Tugenden ist, die die Friedenskunst vervollkommnet. Dass keine einzelne dieser Tugenden sie allein erschaffen kann. Und schliesslich entstand wæhrend der Stunde noch das dazu passende Bild des Wagens, der nur fahren kann, solange er alle seine vier Ræder besitzt. Zum Abschluss der Stunde wird jedes Mal die Matte gewischt. Jeder ist daran beteiligt, denn die Matte ist aus Plastik, und es werden einzeln kleine Læppchen an alle verteilt, mit denen man auf den Knien die einzelnen Matten wischt. Leute, die schon an Inaba-Senseis Lehrgængen teilgenommen haben, werden sich an die japanischen Bræuche erinnert fuehlen.
 
Die Vormittagsstunden enden um 11:45 Uhr. Darauf folgt Mittagbrot. Das findet statt von 11:45 bis 12:30 Uhr. Dies ist eine Brotmahlzeit, da es hier dann um 15:45 Uhr noch einmal eine Mahlzeit gibt. Sie wird tatsächlich Middag genannt, und ist warm und reichlich. Vorgestern gab es beispielsweise Lachs oder wahlweise Hühnchen mit Reis, dazu Brokkoli und Karottensalat, alternativ ein vegetarischer Linseneintopf. Gestern gab es Salat, Vollkornreis und weiße Bohnen in Tomatensauce. Sehr lecker zubereitet, nicht etwa aus der Dose, sondern mit einer Sauce, deren Geschmack mich wunderbar an Anis erinnert hat. Schließlich gibt es noch Abendbrot von 20:00 - 20:30 Uhr. Bei allen Essenszeiten sind die Schueler, wie schon erwæhnt, fuer das Eindecken der Tische zustændig, helfen bei der Vorbereitung der Speisen, sind beim Abspuelen, und am Nachmittag auch fuer verschiedene Putzaufgaben zustændig, vom Bedienen der Abspuelanlage in der Kueche, ueber das Saugen und Wischen der Flure, etc.pp.


Gestern war der Tag von zwei besonderen Versammlungen geprägt. Denn die Schüler-Versammlung hat einen neuen Vertrauensschüler gewählt. Dazu stellen die verschiedenen Wohngruppen, in die die Studenten eingeteilt sind, jeweils einen Kandidaten auf. Nach einer jeweils kurzen Vorstellungsrede der Kandidaten wurde gewählt. Dimitris hatte seinen Spaß beim Auszählen der Stimmzettel, denn die Stimmzettel wurden auch kräftig mit Bildchen und Kosenamen für die Kandidaten verziert. Das Ganze verlief also in entspannter, aber durchaus angemessener Atmosphäre.
Die zweite Versammlung fand in den jeweiligen "Linien" statt. So werden die Hauptfächer hier genannt. Es ging um die Vorbereitung der jeweiligen Studientouren, die Anfang März anstehen. Für die Aikido-Klasse wird es für zehn Tage nach Japan gehen. Ziele sind Osaka und Kyoto. Die Vorbereitung dieser Tour ist entsprechend anspruchsvoll, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Gruppe inklusive Dimitris aus dreißig Leuten besteht.

Heute waren fuer den Nachmittag wieder besondere Ereignisse angesetzt, Allsang (gemeinsames Singen) und Allmøte (Hauptversammlung), die allerdings regelmæssig jeden Mittwoch stattfinden. Allsang ist auch eine recht einzigartige Veranstaltung. Es trifft sich tatsæchlich ein Grossteil der Schuelerschaft um 12:30 Uhr, um gemeinsam norwegische und englische Lieder zu singen. Die Schueler von HAFOS scheinen meine Vorliebe fuer "California Dreaming" zu teilen, denn es wurde tatsæchlich neben anderen Liedern erneut gesungen. Allmøte hat eine æhnliche Funktion wie das Morning-Meeting. Es ist aber etwas mehr Zeit dafuer vorgesehen (von 13:00 bis 13:45 Uhr), und es wird von den Vertrauensschuelern geleitet. Das Morning-Meeting ist durchaus von einer Art vorrangigem Rederecht durch die Lehrer geprægt, selbst obwohl auch hier die organisatorische Leitung von den Schuelern uebernommen wird. Was mir bei allen Veranstaltungen auffællt ist, wie diszipliniert die Gespræchskultur hier ist. Es werden alle Wortmeldungen mit Handzeichen angezeigt, und es besteht tatsæchlich so viel Vertrauen, Ruhe und Disziplin, dass jeder auch darauf wartet, dass der Leiter des Treffens einem das Wort erteilt. Zudem achten die Leute anscheinend bei den verschiedenen Mitteilungen darauf, ruhig zu sprechen, und nicht zu viel Zeit in Anspruch zu nehmen..

Wæhrend alle Schueler nach Allmøte dann Treffen in ihren Hausgruppen hatten (von denen es, wenn ich richtig gezæhlt habe, fuenf gibt), habe ich dann erstmal das Handtuch geworfen und mich etwas zum Ausruhen zurueckgezogen. Ich war unglaublich muede von der Vielfalt an neuen Eindruecken und von zu wenig Schlaf in der voran gegangenen Nacht, da ich vorgestern nach dem Treffen mit Dimitris noch des Laengeren an diesem Blog geschrieben hatte, und zudem sehr aufgekratzt gewesen war, sodass ich gestern schon nach fuenf Stunden Schlaf wieder aufgewacht bin (mit der Einsicht, dass ich nicht mehr weiterschlafen kann).

Aus diesem Grunde erzæhle ich nun nicht mehr vom Kindertraining, das ich heute ebenfalls das erste Mal erlebt habe, sondern wuensche Euch, wie beim letzten Mal, eine gute Nacht und bis zum næchsten Blog!

Eure Mirjam