Alexander aus Peking

Liebe Gemeinschaft… nun ist es also real, auch wenn es sich noch sehr unwirklich anfühlt. Ich bin hier in Peking, in einem kleine Café inmitten der alten Hutongs (traditionelle, sehr verschachtelte Höfe, typisch für Peking) - und ausserhalb vom normalen Raum und Zeit.

Ein neues Trainingsjahr hat begonnen, wie Thorsten schreibt, mit den Vorbereitungen für die Kyu-Passagen im Herbst. Wenn ich jetzt noch in Frankfurt wäre, dann würde ich gemeinsam mit Euch meine Passage zum 1. Kyu vorbereiten. Jetzt weiss ich nicht einmal, ob ich überhaupt jemals wieder Aikido trainieren werde. Ich meine damit physisches Aikido, Aikido im Dojo… Das Aikido jeden Tag lässt einen, glaube ich, nie wieder los, wenn man einmal in Kontakt gekommen ist.

In den letzten Wochen hatte ich dafür viel Gelegenheit, noch einmal über das Training an sich nachzudenken, auch im Gespräch mit unseren Deshis… Ein ganz wichtiges Thema dabei war wie intensiv man trainieren kann, soll, muss - wie oft und wie tief? Wir (Ihr) im Seishinkai haben ja den Luxus wirklich jeden Tag trainieren zu können - fast ein Überangebot. Ich weiss nicht, wie es Euch geht - für mich war das unheimlich bequem, ich konnte Aikido ganz entspannt in meinen Berufsalltag, in mein übriges Leben einpassen. Wenn ich Dienstags einen dienstlichen Termin hatte, bin ich eben statt dessen z.B. Donnerstags gekommen, ohne gleich eine Woche zu verpassen, wie in anderen Dojos, wo man nur 1 - 2 Termine pro Woche hat. Mit Sicherheit hat mir das Angebot ermöglichst, regelmäßig auf der Matte zu stehen, ohne in einen Deshi-Status oder in eine Trainer-Ausbildung zu gehen.

Andererseits denke ich jetzt so, in der Rückschau, dass ich dadurch mein Training gewissermaßen "banalisiert" habe. Es war eben genau das - bequem. Ich konnte eine Routine entwickeln, und ich konnte an dem Training regelmäßig teilnehmen. Genau: teilnehmen. Manchmal war ich zwar physisch da, aber eben, nach einem anstrengenden Arbeitstag, im Kopf gar nicht richtig angekommen. Das war ja auch Thema in dem Ura-Kolloquium zum Thema Aikido und Beruf. Was brauchen wir, um auf der Matte anzukommen. Wie gut kommen wir nach einem anstrengenden Arbeitstag, nach einem Tag mit neuen Studieninhalten, vor einem wichtigen Termin wirklich auf der Matte an?

Oft habe ich auch das Angebot konsumiert, ohne es innerlich zu integrieren. Ich konnte es mir gewissermaßen auch leicht machen, denn "morgen" war ja schon wieder die Gelegenheit da… Früher - in einer ersten Aikido-Phase - habe ich sicher intensiver trainiert. Es gab weniger "Alternativen" - sowohl an angebotenen Trainingsterminen als auch an anderen für mich interessanten Freizeitaktivitäten. Und es gab einen anderen wichtigen Unterschied. Ich habe selbst eine Gruppe trainiert. Auch wenn es sich dabei um Jiu-Jitsu gehandelt hat, ich habe sehr viel Aikido einfliessen lassen und war schon deshalb in der Aikido-Stunde als Schüler viel intensiver bei der Sache. Es ist eben ein Unterschied, als Schüler die Bewegung nur zu lernen, oder als potentieller Trainer die Bewegung auch weiter geben zu können.

Ich hatte diesmal, in den 4 Jahren, in denen ich im Seishinkai trainieren durfte, keinen Ehrgeiz, Trainer zu sein oder zu werden. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich von dem hohen Niveau der Deshi und Trainer-Schüler zu beeindruckt war und bin, um mich selbst in dieser Gruppe zu sehen. Für mich war Aikido ein "Labor" für die körperliche Integration von Lebensprinzipien, ein Teil meiner persönlichen Entwicklung - ohne direkte Ambitionen IN Aikido. Aber kann man absichtslos trainieren? Anfangs hatte ich einen festen Plan für meine Passagen - einige von Euch kenne das vielleicht. Dann habe ich gemerkt, dass mein Körper, und mein Geist!, diesem Pan nicht folgen wollten. Also habe ich von meinen Plänen abgelassen, sagen wir, mein EGO musste sich dem Fluss des Lebens fügen… Aber gleichzeitig habe ich, glaube ich jetzt mit gewissem Abstand, auch mit weniger Leidenschaft trainiert. Mit einigen von Euch hatte ich ja meine Zweifel, meinen Frust auch geteilt. Ja, damit habe ich  gerungen, in den letzten zwei Jahren - wie Aikido gut in mein Leben zu integrieren, wie ganz da zu sein, ohne im Äusseren nach Graduierung zu streben, ohne meinen Fortschritt an dem der anderen zu messen.

Vermisse ich das Training? Noch nicht… die letzten Woche waren auch physisch sehr anstrengend, viele Kisten wollten viele Treppen geschleppt werden. Der Wegfall des Job-Stresses hat auch dazu geführt, dass ich weniger Bedürfnis nach "Ausgleich" verspürt habe. Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt. Werden stundenlange Spaziergänge in asiatischen Städten genug körperlicher Ausgleich sein? Wie wird sich mein Körper, ein Rücken anfühlen - ohne Büro, ohne Training? Und nach was wird mein Geist streben, im Übermaß der Eindrücke hier?

Ich bin selber gespannt - und ich werde darüber schreiben.

Euch allen jedenfalls wünsche ich einen guten Start in die neue Saison, ein intensives Training, guten Kontakt - und natürlich den Passagieren viel Erfolg bei den Vorbereitungen.

Alexander