Die Bewegung anhalten - von Alexander Madl



Die Bewegung anhalten, wie geht das? Ruhig werden, in dieser hektischen Zeit, in dieser Fülle an Verführungen, Angeboten, Aufgaben, Projekten, Möglichkeiten, Verpflichtungen, wie geht das? Wie kann ich ruhig werden, die Bewegung anhalten, und doch nicht bewegungslos sein, träge mich treiben lassen?

Die Schwertspitze kreist, aus der Hüfte heraus. Aus der Erde heraus eigentlich, über die fest in der Erde verwurzelten - und doch leicht beweglichen - Füße über das Zentrum in die Schwertspitze, so sollte die Energie fliessen. Nicht durch Muskelkraft, nicht über den Schultergürtel bewegt… Dann werden die Kreise immer kleiner, unsichtbar, bis die Schwertspitze langsam fällt. Grundposition. Ganz ruhig sein, bereit. Aber die Bewegung in der Schwertspitze ist immer noch fühlbar, ist innerlich, unendlich.

Wie kann ich also ruhig werden, wie die Bewegung anhalten? Eine große Frage für mich. Ich, der immer in Bewegung ist, immer viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten versucht… Beruf, Aikido, Tango, Motorrad, Fotografie… 1000 andere Dinge. Soviel spannendes gibt es zu entdecken - jeden Tag, jede Minute. Wie soll ich da ruhig werden? Unter anderem auch deshalb habe ich diesen radikalen Bruch provoziert, die Auszeit genommen. Auszeit von all diesen kleine und großen Projekten. Ja, aber - wie ruhig werden auf einer Reise? Wie ruhig werden, wenn man permanent unterwegs ist, wenn nichts sicher ist? Ich denke, gerade darum geht es, die äußere Bewegung anhalten, die Kreise immer kleiner machen, damit die Schwingung innen immer weiter werden kann, unendlich. Oder, im Umkehrschuss, innerlich ruhig werden, die innere Unruhe anhalten, in der äußeren Bewegung.

Die Reise, das Unterwegs-sein ist gleichzeitig Reduktion und Vervielfachung der Bewegung. Ich bin sehr frei, habe keine Verpflichtungen, kann relativ einfach fast überall hin reisen. Will ich nach Japan Aikido trainieren, oder nach Buenos Aires Tango tanzen? Nichts steht meiner Entscheidung im Weg, keine Wohnung, kein Beruf, keine Familie… Andererseits, vieles kann ich so einfach nicht machen (z.B. trainiert es sich schlecht Aikido, wenn man jeden Tag an einem anderen Ort ist. Oder: ich würde gerne mehr analog fotografieren, aber die Dunkelkammer lässt sich schlecht mir der Idee "Reisen mit leichtem Gepäck" vereinbaren) - ich muss verzichten. Und ich kann nicht überall sein, nicht gleichzeitig in Tokyo und Buenos Aires… 

Die Bewegung wird dadurch einfacher: wo will ich (heute) hin, wo schlafe ich, was esse ich. Unterwegs sein hat einen eigenen Rhythmus - ein Rhythmus den die Nomadenvölker dieser Erde seit Jahrtausenden besingen… Die Bewegung wird langsamer, dafür stetig. Die Wellen werden länger, die Amplitude schwächer, man gibt sich dem Rhythmus der Natur hin, sei es dem Meer oder dem Schaukeln des Kamelrückens oder eben dem Rhythmus der Landstrasse, den Fahrplänen der Busse… Die Bewegung anhalten, wie geht das? In dem ich eins bin, mit dem was ich tue. Im Aikido, indem ich eins bin mit Uke. Wie schön ist das Gefühl, nach einem schnellen Angriff auf den Fersen zu sitzen, mit Ni-Kyo abzuschliessen. Die Bewegung ist gestoppt Äußerlich, innerlich sind wir beide weiter in Bewegung. Stille. Frieden. Und auch - Ausgangspunkt für neue Bewegung, für neue Begegnungen… 

Zufällig habe ich dazu heute in TED einen inspirierenden Vortrag gehört, von Bruder David Steindl-Rast, einem Benediktiner Mönch (und des Aikido vermutlich nicht mächtig). Er spricht über Dankbarkeit und Glücklich sein - und darüber, jeden Moment bewusst zu geniessen. Dazu muss man anhalten (stop), den Moment bewusst wahrnehmen (see) und dann wieder in Bewegung, in Aktion kommen (go).=