Reisebericht über Zehn Tage „Leaders‘ Seminar 2013“ im Shiseikan-Dojo, Tokio

Eigentlich hatte ich ja versprochen von unterwegs zu berichten, aber unser tägliches Programm war so dicht gestaltet, dass es kaum frei verfügbare Zeit gab, etwas Anständiges zu schreiben.
Es war jedenfalls ein sehr wertvoller Aufenthalt. Das Seminar war sehr sorgfältig vorbereitet. Die Inhalte und das Training haben sich zu einem runden Ganzen verdichtet, das mir für meine künftigen Studien reichhaltige Anregungen bieten wird. Die Gastfreundschaft des Shiseikan war zudem mehr als großzügig.

Ich hatte in Tokio ähnlich kalte Temperaturen erwartet, wie wir sie hier in Deutschland um diese Jahreszeit haben. Wir waren jedoch die ganzen zehn Tage mit äußerst mildem und sonnigen Wetter gesegnet, so dass wir unsere kurzen Mittagspausen zumeist draußen im Yoyogi-Park verbringen konnten.

Neben offiziellen Besuchen im Meiji-Schrein und der Teilnahme an Niiname Sai, dem japanischen Erntedankfest, dem in Japan noch immer ein hoher Stellenwert beigemessen wird, haben wir an Misogi, einem sehr wichtigen shintoistischen Ritual zur spirituellen Reinigung teilgenommen.
Misogi kann in seinen Handlungen zwar beschrieben werden, sein Zweck lässt sich jedoch nur durch eigene Erfahrung erschließen.
Ich habe den Eindruck, dass mir durch das Misogi ein Einblick in ein tieferes Verständnis des Budo eröffnet worden ist, der mein Training bereichern wird.

Das Seminar enthielt einen nicht zu vernachlässigenden Anteil an theoretischem Unterricht – sogar unter Verwendung einer Tafel zur Veranschaulichung von bestimmten Ideen – Exkursionen und selbstverständlich natürlich auch körperlichem Training. Taijutsu und Kenjutsu wurden dabei nicht getrennt.

Ein sehr wichtiger Abschnitt des Seminars war sicherlich die Exkursion zum Mitake-San (Berg Mitake), um uns dort dem Misogi zu unterziehen. Am Vorabend haben wir dort im Musashi-Schrein einem Kagura-Tanz beigewohnt, einer sehr alten Form des rituellen Tanzes, wie er von den Priestern des Schreins einmal monatlich zur Erbauung des dort verehrten Kami vorgeführt wird. In dem schlichten, mit Reisstrohmatten ausgestatteten Raum vor der Bühne, wo wir zusammen mit der „Gemeinde“ des Ortes, der Vorführung beiwohnten, erlebte ich eine Art Einkehr in das allgemein Menschliche, das sich in seinem jeweiligen kulturellen Ausdruck zwar unterscheidet, in unserem Streben nach Kontakt und Rückverbindung mit den uns umgebenden Größeren Wirkmächten, als Menschheit jedoch universell vereint.

Während die Kostüme des Kagura, prachtvoll und vornehm gestaltet, für den europäischen Geschmack keine weitere Herausforderung darstellen, ist der Tanz, in Darstellung und Bewegung sehr sparsam, schon weiter von europäischen Vorstellungen entfernt. Ebenso der Gesang und die Musik, die lediglich aus Trommeln, Flöten und einer Art intoniertem Sprechgesang bestanden. Mir scheint, dass diese Musik noch sehr deutlich ihre Herkunft aus der schamanischen Beschwörungen zeigt.
Am Tag des Misogi sind wir recht früh aufgestanden und eine längere Strecke an den Berghängen des übrigens sehr steilen Berges entlang gelaufen bis zu dem geheiligten Wasserfall, wo wir uns schließlich dem Misogi unterzogen haben. Insbesondere der Hinweg durch zwar kultivierte, aber recht ungestörte Natur, war eine wichtige Vorbereitung auf das Misogi.

Nach einer abschließenden "Weihe" im Schrein bei unserer Rückkehr und einem ordentlichen japanischen Frühstück sind wir dann noch einmal schnell in strammem Tempo auf einen Nachbargipfel des Mitake-San, den Otake-San, gestiegen und wurden mit einem wunderbaren Blick auf den Fujisan belohnt. Die Gruppe, die schon zu Beginn in zwei Gruppen mit unterschiedlichem Aufstiegstempo aufgeteilt worden war, ist im Verlauf des Aufstiegs tatsächlich noch einmal zerfallen, weil Araya-Kancho einen wirklich anspruchsvollen Schritt vorgegeben hat. Meine körperliche Verfassung war erfreulicherweise gut genug, dass die Tour eine gut annehmbare Herausforderung darstellte.


Die beiden Tage der Misogi-Exkursion waren auch ansonsten eine intensive Begegnung mit sehr japanischen Dingen. So haben wir in einer Herberge übernachtet, deren Räume klassisch aus Shojis und Wandschränken gebaut waren, ausgestattet mit Futons zum Schlafen, zum Essen flache Tische an denen man in Seiza sitzen muss. Wir wurden mit hervorragenden Speisen bewirtet, nicht nur Sashimi, Sushi, Miso-Suppe, etc, sondern auch mit vielen interessanten, leckeren Gerichten, deren Namen ich nicht kenne. Alle Gerichte waren mit viel Sorgfalt gestaltet, und wurden in einem recht freien Ablauf aus Süß und allen anderen denkbaren, auch ungewohnten Geschmäcken serviert.

Gefallen hat mir neben der liebevollen Achtsamkeit, mit der im Prinzip wirklich Alles gestaltet oder zubereitet wurde, auch das gegenseitige Einschänken der Getränke. Überhaupt werden viele der ausgewählt achtsamen Verhaltensweisen in der japanischen Kultur in den Reiseberichten dorthin gereister Westler viel zu sehr als schwierige Momente gegenseitiger Beschämung stilisiert. Das kann ich so nicht erkennen. Ob es nun das erwähnte gegenseitige Einschänken war, das grundsätzliche Betreten der Häuser ohne Schuhe, das Anziehen der bereit gestellten Toilettenpantoffeln, das ausführliche Reinigen des eigenen Körpers vor Betreten des gemeinsamen (heißen) Bades, etc. All diese Regeln erhöhen den Komfort, zeigen eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit und Harmonie, und man kann auch als Europäer recht leicht damit umgehen, wenn man selbst ein wenig Achtsamkeit und Aufmerksamkeit investiert. Kleine Fehler werden leicht ausgeglichen durch die Bereitschaft der Japaner, Ausländern ihre Unkenntnis zu vergeben. Möglicherweise ändert sich das, wenn man länger in Japan bleibt, aber für einen kurzen Aufenthalt kann man diese Kultur der Achtsamkeit ohne Umstände einfach schätzen, bewundern, genießen.

Auch während der folgenden Tage unseres Aufenthalts, die wir hauptsächlich trainierend und lernend im Shiseikan verbrachten, konnten wir uns weiterhin abends in einem japanischen Bad erholen, denn wir waren auch in Tokio in einem japanischen Hotel untergebracht. Oft genug waren wir abends auch so erschöpft, dass wir diese Möglichkeit sehr geschätzt und genutzt haben.

Viele der Eindrücke und Erlebnisse habe ich trotz der inzwischen schon ordentlichen Länge dieses Artikels nicht erwähnen können. Viele Anregungen wirken noch intensiv nach. Viele Aspekte sind zu wertvoll, um sie in einem kurzen Satz abzuhaken. Wenn es die Umstände erlauben, werde ich sie in der folgenden Zeit in kürzeren thematisch gebundenen Artikeln hier posten.


Mirjam