Scholarship 2014 in Norwegen, Karolina Seibold - II Dran bleiben

 II Dran bleiben
Hadeland Folkehøgskole, Brandbu, Norwegen, Januar 2014



Die Zeit fliegt. Die zweite Woche. Vorbei. Was nehme ich mit? Das Treffen mit der Taekwondo Klasse am Donnerstag. Das Thema: Motivation. Was hindert uns daran, die Dinge zu tun, von denen wir instinktiv spüren, dass sie gut für uns sind? Warum verharren wir in den alten Mustern? Wie können wir unsere Gewohnheiten ändern? Darüber zu reden ist einfach. Es zu tun eigentlich auch. Nur dass es eben nicht reicht, es einmal zu tun. Ikkyo, ein Leben lang, hat O Sensei gesagt. Und jedes Mal ganz neu. Als wäre es die erste und die letzte Bewegung, die ich in meinem Leben tun darf. Und irgendwann, vielleicht, beginne ich etwas zu verstehen. Entdecke die Schönheit in der Wiederholung, die keine ist, sondern jedes Mal eine neue Chance. Das ist das Gute am Keiko, am Training. Anders als im Leben bekomme ich diese Chance immer wieder. Mit jeder neuen Begegnung.
 
Jedem Kontakt. Und irgendwann, vielleicht, spüre ich, wie sich der Kontakt verändert. Dass ich ihn halten kann, ohne verbissen zu sein, ohne etwas oder jemanden festhalten zu wollen. Es gehört eine Menge Vertrauen dazu, dran zu bleiben. Weiter zu machen. Den Kontakt zu halten. Zu sich selbst. Zum Partner. Zum Lehrer. Zu den Versprechen, die ich mir gebe. Zum Aikido.

Und plötzlich macht es Sinn. Ist jede Position, ist jeder Schritt und jeder Schnitt eine ganze Welt, die es zu entdecken gilt. Mu kamae. Seigan no kamae. Hasso no kamae. Men tachi suke. Gedan kote dome. Sokui zuke. Wir üben weiter. Und spielen weiter. Am Freitag, am Schluss der Stunde, stelle ich den Studenten das "Schwertboot" vor, das von den Kindern im Seishinkai Dojo in Frankfurt erfunden wurde: Nach der rituellen Begrüßung gehen zwei Partner in Position. Auf das
Zeichen eines Dritten, versuchen sie sich gegenseitig mit dem Schwert zu treffen. Wer getroffen ist, gibt das Schwert an den Nächsten in der Runde ab, jedoch nicht ohne sich vorher rituell von seinem Partner verabschiedet zu haben. Begrüßung und Verabschiedung, die oft mehr Zeit in Anspruch nehmen, als der manchmal nur Sekunden dauernde Kampf, sind essentiell für diese Übung, in der auf spielerische Art spürbar wird, was es wirklich heißt, jemanden zu erreichen, zu treffen und selbst getroffen zu werden.
Sie klären den Geist und reinigen das Herz. Für die nächste Begegnung. Alles ist neu.